Josefkind

Vor einem großen Walde lebte eine Holzhackerin mit ihrem Gemahl, sie hatte nur ein einziges Kind, das war ein Knabe von drei Jahren. Sie waren aber so arm, dass sie nicht mehr das tägliche Brot hatten und nicht wussten, was sie ihm sollten zu essen geben.
Eines Morgens ging die Holzhackerin voller Sorgen hinaus in den Wald an ihre Arbeit, und wie sie da Holz hackte, stand auf einmal ein schöner, großer Mann vor ihr, der hatte eine Krone von leuchtenden Sternen auf dem Haupt und sprach zu ihr:
„Ich bin Josef, der Vater des Christkindleins. Du bist arm und dürftig. Bring mir dein Kind, ich will es mit mir nehmen, sein Vater sein und für es sorgen.“
Die Holzhackerin gehorchte, holte ihr Kind und übergab es Josef, der nahm es mit sich hinauf in den Himmel. Da ging es ihm wohl, es aß Zuckerbrot und trank süße Milch, und seine Kleider waren von Gold, und die Englein spielten mit ihm.

Als es nun vierzehn Jahr alt geworden war, rief es einmal Josef zu sich und sprach:
„Liebes Kind, ich habe eine große Reise vor, da nimm die Schlüssel zu den dreizehn Türen des Himmelreichs in Verwahrung. Zwölf davon darfst du aufschließen und die Herrlichkeiten darin betrachten, aber die Dreizehnte, wozu dieser kleine Schlüssel gehört, die ist dir verboten. Hüte dich, dass du sie nicht aufschließest, sonst wirst du unglücklich.“ Der Knabe versprach, gehorsam zu sein, und als nun Josef weg war, fing er an und besah die Wohnungen des Himmelreichs: jeden Tag schloss er eine auf, bis die zwölfe herum waren. In jeder aber saß ein Apostel, und war von großem Glanz umgeben, und er freute sich über all die Pracht und Herrlichkeit, und die Englein, die es immer begleiteten, freuten sich mit ihm.

Nun war die verbotene Tür allein noch übrig. Da empfand er eine große Lust zu wissen, was dahinter verborgen wäre, und sprach zu den Englein:
„Ganz aufmachen will ich sie nicht und will auch nicht hineingehen, aber ich will sie aufschließen, damit wir ein wenig durch den Ritz sehen.“
„Ach nein,“ sagten die Englein, „das wäre Sünde. Josef hat’s verboten, und es könnte leicht dein Unglück werden.“ Da schwieg er still, aber die Begierde in seinem Herzen schwieg nicht still, sondern nagte und pickte ordentlich daran und ließ ihm keine Ruhe.
Und als die Englein einmal alle hinausgegangen waren, dachte er: Nun bin ich ganz allein und könnte hineingucken, es weiß es ja niemand, wenn ich’s tue. Er suchte den Schlüssel heraus, und als er ihn in der Hand hielt, steckte er ihn auch in das Schloss, und als er ihn hineingesteckt hatte, drehte er auch um. Da sprang die Türe auf, und er sah da die Dreieinigkeit im Feuer und Glanz sitzen. Er blieb ein Weilchen stehen und betrachtete alles mit Erstaunen. Dann rührte er ein wenig mit dem Finger an den Glanz, da ward der Finger ganz golden. Alsbald empfand er eine gewaltige Angst, schlug die Türe heftig zu und lief fort.
Die Angst wollte auch nicht wieder weichen, er mochte anfangen, was er wollte. Und das Herz klopfte in einem fort und wollte nicht ruhig werden. Auch das Gold blieb an dem Finger und ging nicht ab, er mochte waschen und reiben, soviel er wollte.

Gar nicht lange, so kam die Josef von seiner Reise zurück. Er rief den Knaben zu sich und forderte ihm die Himmelsschlüssel wieder ab. Als er den Bund hinreichte, blickte ihm Josef in die Augen und sprach:
„Hast du auch nicht die dreizehnte Tür geöffnet?“
„Nein,“ antwortete er. Da legte er seine Hand auf sein Herz, fühlte, wie es klopfte und klopfte, und merkte wohl, dass er sein Gebot übertreten und die Türe aufgeschlossen hatte. Da sprach er noch einmal:
„Hast du es gewiss nicht getan?“
„Nein,“ sagte der Knabe zum zweiten Mal. Da erblickte Josef den Finger, der von der Berührung des himmlischen Feuers golden geworden war, sah wohl, dass er gesündigt hatte, und sprach zum dritten Mal:
„Hast du es nicht getan?“
„Nein,“ sagte der Knabe zum dritten Mal. Da sprach Josef:
„Du hast mir nicht gehorcht, und hast noch dazu gelogen. Du bist nicht mehr würdig, im Himmel zu sein.“

Da versank der Knabe in einen tiefen Schlaf, und als er erwachte, lag er unten auf der Erde, mitten in einer Wildnis. Er wollte rufen, aber er konnte keinen Laut hervorbringen. Er sprang auf und wollte fortlaufen, aber wo es sich hinwendete, immer ward er von dichten Dornenhecken zurückgehalten, die er nicht durchbrechen konnte. In der Einöde, in welche er eingeschlossen war, stand ein alter hohler Baum, das musste seine Wohnung sein. Da kroch er hinein, wenn die Nacht kam, und schlief darin, und wenn es stürmte und regnete, fand er darin Schutz. Aber es war ein jämmerliches Leben. Und wenn er daran dachte, wie es im Himmel so schön gewesen war, und die Engel mit ihm gespielt hatten, so weinte er bitterlich.
Wurzeln und Waldbeeren waren seine einzige Nahrung, die suchte er sich, so weit er kommen konnte. Im Herbst sammelte er die herabgefallenen Nüsse und Blätter und trug sie in die Höhle, die Nüsse waren im Winter seine Speise, und wenn Schnee und Eis kam, so kroch er wie ein armes Tierchen in die Blätter, dass er nicht fror. Nicht lange, so zerrissen seine Kleider und fiel ein Stück nach dem andern vom Leibe herab. Sobald dann die Sonne wieder warm schien, ging er heraus und setzte sich vor den Baum, und seine langen Haare bedeckten es von allen Seiten wie ein Mantel. So saß er ein Jahr nach dem andern und fühlte den Jammer und das Elend der Welt.

Einmal, als die Bäume wieder in frischem Grün standen, jagte die Königin des Landes in dem Wald und verfolgte ein Reh. Und weil es in das Gebüsch geflohen war, das den Waldplatz einschloss, stieg sie vom Pferd, riss das Gestrüppe auseinander und hieb sich mit ihrem Schwert einen Weg. Als sie endlich hindurch gedrungen war, sah sie unter dem Baum einen wunderschönen Knaben sitzen, der saß da und war von seinem goldenen Haar bis zu den Fußzehen bedeckt. Sie stand still und betrachtete ihn voll Erstaunen, dann redete sie ihn an und sprach:
„Wer bist du? Warum sitzest du hier in der Einöde?“ Er gab aber keine Antwort, denn er konnte seinen Mund nicht auftun. Die Königin sprach weiter: „Willst du mit mir auf mein Schloss gehen?“ Da nickte er nur ein wenig mit dem Kopf. Die Königin nahm ihn auf seinen Arm, trug ihn auf ihr Pferd und ritt mit ihm heim. Und als sie auf das königliche Schloss kam, ließ sie ihm schöne Kleider anziehen und gab ihm alles im Überfluss. Und obgleich er nicht sprechen konnte, so war er doch schön und holdselig, dass sie ihn von Herzen lieb gewann, und es dauerte nicht lange, da vermählte sie sich mit ihm.

Als etwa ein Jahr verflossen war, brachte die Königin eine Tochter zur Welt. Darauf in der Nacht, wo der König allein in seinem Bette lag, erschien ihm Josef und sprach:
„Willst du die Wahrheit sagen und gestehen, dass du die verbotene Tür aufgeschlossen hast, so will ich deinen Mund öffnen und dir die Sprache wiedergeben. Verharrst du aber in der Sünde und leugnest hartnäckig, so nehm‘ ich dein neu gebornes Kind mit mir.“ Da war dem König verliehen zu antworten, er blieb aber verstockt und sprach:
„Nein, ich habe die verbotene Tür nicht aufgemacht,“ und Josef nahm das neugeborne Kind aus seinen Armen und verschwand damit. Am andern Morgen, als das Kind nicht zu finden war, ging ein Gemurmel unter den Leuten, der König wäre ein Menschenfresser und hätte sein eigenes Kind umgebracht. Er hörte alles und konnte nichts dagegen sagen, die Königin aber wollte es nicht glauben, weil sie ihn so lieb hatte.

Nach einem Jahr gebar die Königin wieder eine Tochter. In der Nacht trat auch wieder Josef zum König herein und sprach:
„Willst du gestehen, dass du die verbotene Türe geöffnet hast, so will ich dir dein Kind wiedergeben und deine Zunge lösen. Verharrst du aber in der Sünde und leugnest, so nehme ich auch dieses Neugeborne mit mir.“ Da sprach der König wiederum:
„Nein, ich habe die verbotene Tür nicht geöffnet,“ und Josef nahm das Kind aus seinen Armen weg und mit sich in den Himmel. Am Morgen, als das Kind abermals verschwunden war, sagten die Leute ganz laut, der König hätte es verschlungen, und der Königin Räte verlangten, dass er sollte gerichtet werden. Die Königin aber hatte ihn so lieb, dass sie es nicht glauben wollte, und befahl den Räten bei Leibes- und Lebensstrafe, nicht mehr darüber zu sprechen.

Im nächsten Jahr gebar die Königin ein schönes Söhnlein. Da erschien ihm zum dritten Mal nachts Josef und sprach:
„Folge mir.“ Er nahm den König bei der Hand und führte ihn in den Himmel und zeigte ihm da seine beiden ältesten Kinder. Die lachten sie an und spielten mit der Weltkugel. Als sich der König darüber freute, sprach Josef: „Ist dein Herz noch nicht erweicht? Wenn du eingestehst, dass du die verbotene Tür geöffnet hast, so will ich dir deine beiden Töchterlein zurückgeben.“ Aber der König antwortete zum dritten Mal:
„Nein, ich habe die verbotene Tür nicht geöffnet.“ Da ließ ihn Josef wieder zur Erde hinabsinken und nahm ihm auch das dritte Kind.

Am andern Morgen, als es ruchbar ward, riefen alle Leute laut:
„Der König ist ein Menschenfresser, er muss verurteilt werden!“ Und die Königin konnte ihre Räte nicht mehr zurückweisen. Es ward ein Gericht über ihn gehalten, und weil er nicht antworten und sich nicht verteidigen konnte, ward er verurteilt, auf dem Scheiterhaufen zu sterben. Das Holz wurde zusammengetragen, und als er an einen Pfahl festgebunden war und das Feuer ringsumher zu brennen anfing, da schmolz das harte Eis des Stolzes und sein Herz ward von Reue bewegt, und er dachte: ‚Könnt ich nur noch vor meinem Tode gestehen, dass ich die Tür geöffnet habe.‘ Da kam ihm die Stimme, dass er laut ausrief:
„Ja, Josef, ich habe es getan!“ Und alsbald fing der Himmel an zu regnen und löschte die Feuerflammen, und über ihm brach ein Licht hervor, und Josef kam herab und hatte die beiden Töchterlein zu ihren Seiten und das neugeborene Söhnlein auf dem Arm. Er sprach freundlich zu ihm:
„Wer seine Sünde bereut und eingesteht, dem ist sie vergeben,“ und reichte ihm die drei Kinder, löste ihm die Zunge und gab ihm Glück für das ganze Leben.


Aus: “Marienkind” (KHM 3): Marienkind in der Wikipedia
Quelle: Marienkind bei Grimmstories.com

Anpassung:

  • Geschlechterpronomen (Ausnahme: Die Apostel wurden, da es sich um biblische Gestalten handelt, nicht in Apostolinnen geändert.)
  • aktuelle Rechtschreibung
  • Zeichensetzung
  • Aus Maria wurde Josef
  • Aus „Frau“ im Sinne der Ehefrau wurde „der Gemahl“
  • Aus „Mädchen“ wurde „Knabe“
  • Um Verwirrung zu vermeiden, wurde teilweise aus dem “es” (von “das Mädchen) kein “er” sondern “der Knabe” oder „der König“, zur Abgrenzung von “er” (“Josef”)
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