Die drei Schwestern

Es war eine Frau, die hatte drei Töchter und weiter nichts im Vermögen als das Haus, worin sie wohnte. Nun hätte jede gerne nach ihrem Tode das Haus gehabt, der Mutter war aber eine so lieb wie die andere. Da wusste sie nicht, wie sie’s anfangen sollte, dass sie keiner zu nahe tät. Verkaufen wollte sie das Haus auch nicht, weil’s von ihren Voreltern war, sonst hätte sie das Geld unter sie geteilt. Da fiel ihr endlich ein Rat ein und sie sprach zu ihren Töchtern:
„Geht in die Welt und versucht euch, und lerne jede ihr Handwerk. Wenn ihr dann wiederkommt, wer das beste Meisterstück macht, die soll das Haus haben.“
Das waren die Töchter zufrieden. Und die Älteste wollte eine Hufschmiedin, die Zweite eine Barbierin, die Dritte aber eine Fechtmeisterin werden. Darauf bestimmten sie eine Zeit, wo sie wieder nach Haus zusammenkommen wollten, und zogen fort.

Es traf sich auch, dass jede eine tüchtige Meisterin fand, wo sie was Rechtschaffenes lernte.
Die Schmiedin musste der Königin Pferde beschlagen und dachte: ‚Nun kann dir’s nicht fehlen, du kriegst das Haus.‘
Die Barbierin frisierte und rasierte lauter vornehme Herrschaften und meinte auch, das Haus wäre schon ihrs.
Die Fechtmeisterin kriegte manchen Hieb, biss aber die Zähne zusammen und ließ sich’s nicht verdrießen, denn sie dachte bei sich: ‚Fürchtest du dich vor einem Hieb, so kriegst du das Haus  nimmermehr.“

Als nun die gesetzte Zeit herum war, kamen sie bei ihrer Mutter wieder zusammen. Sie wussten aber nicht, wie sie die beste Gelegenheit finden sollten, ihre Kunst zu zeigen, saßen beisammen und ratschlagten. Wie sie so saßen, kam auf einmal ein Hase übers Feld dahergelaufen.
„Ei,“ sagte die Barbierin, „der kommt wie gerufen.“, nahm Becken und Seife, schaumte so lange, bis der Hase in die Nähe kam, dann seifte sie ihn in vollem Laufe ein und rasierte ihm auch in vollem Laufe ein Stutzbärtchen, und dabei schnitt sie ihn nicht und tat ihm an keinem  Haare weh.
„Das gefällt mir.“ sagte die Mutter. „Wenn sich die andern nicht gewaltig angreifen, so ist das Haus dein.“

Es währte nicht lang, so kam eine Dame in einem Wagen daher gerannt in vollem Jagen.
„Nun sollt Ihr sehen, Vater, was ich kann.“ sprach die  Hufschmiedin, sprang dem Wagen nach, riss dem Pferd, das in einem fort jagte, die vier Hufeisen ab und schlug ihm auch im Jagen vier neue wieder an.
„Du bist eine ganze Frau!“ sprach die Mutter. „Du machst deine Sachen so gut wie deine Schwester. Ich weiß nicht, wem ich das Haus geben soll.“

Da sprach die Dritte:
„Mutter, lasst mich auch einmal gewähren.“ Und weil es anfing zu regnen, zog sie ihren Degen und schwenkte ihn in Kreuzhieben über ihrem Kopf, das kein Tropfen auf sie fiel. Und als der  Regen stärker ward und endlich so stark, als ob man mit Mulden vom Himmel gösse, schwang sie den Degen immer schneller und blieb so trocken, als säße sie unter Dach und Fach.
Wie die Mutter das sah, erstaunte sie und sprach:
„Du hast das beste Meisterstück gemacht, das Haus ist dein.«“

Die beiden andern Schwestern waren damit zufrieden, wie sie vorher gelobt hatten. Und weil sie einander so lieb hatten, blieben sie alle drei zusammen im Haus und trieben ihr Handwerk; und da sie so gut ausgelernt hatten und so geschickt waren, verdienten sie viel Geld. So  lebten sie vergnügt bis in ihr Alter zusammen, und als die eine krank ward und starb, grämten sich die zwei andern so sehr darüber, daß sie auch krank wurden und bald starben. Da wurden sie, weil sie so geschickt gewesen waren und sich so liebgehabt hatten, alle drei zusammen in ein Grab gelegt.


Aus: „Die drei Brüder“ (KHM 124): Die drei Brüder in der Wikipedia
Quelle: Die drei Brüder im Gutenberg-Projekt

Anpassung:

  • Geschlechterpronomen
  • aktuelle Rechtschreibung
  • Zeichensetzung
  • Der ursprüngliche Barbier „rasierte lauter vornehme Herren“, in der Anpassung wurde daraus „frisierte und rasierte lauter vornehme Herrschaften“. Wegen der weiteren Handlung konnte das rasieren nicht ganz entfallen.
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s