Märchen von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen

Eine Mutter hatte zwei Töchter, davon war die älteste klug und gescheit und wusste sich in alles wohl zu schicken. Die Jüngste aber war dumm, konnte nichts begreifen und lernen, und wenn sie die Leute sahen, sprachen sie:
„Mit der wird die Mutter noch ihre Last haben!“ Wenn nun etwas zu tun war, so musste es die Älteste allzeit ausrichten. Hieß sie aber die Mutter noch spät oder gar in der Nacht etwas holen und der Weg ging dabei über den Kirchhof oder sonst einen schaurigen Ort, so antwortete sie wohl:
„Ach nein, Mutter, ich gehe nicht dahin. Es gruselt mir!“ Denn sie fürchtete sich. Oder wenn abends beim Feuer Geschichten erzählt wurden, wobei einem die Haut schaudert, so sprachen die Zuhörer manchmal:
„Ach, es gruselt mir!“ Die Jüngste saß in einer Ecke und hörte das mit an und konnte nicht begreifen, was es heißen sollte.
„Immer sagen sie, es gruselt mir, es gruselt mir! Mir gruselt’s nicht. Das wird wohl eine Kunst sein, von der ich auch nichts verstehe.“

Nun geschah es, dass die Mutter einmal zu ihr sprach:
„Hör, du in der Ecke dort, du wirst groß und stark. Du musst auch etwas lernen, womit du dein Brot verdienst. Siehst du, wie deine Schwester sich Mühe gibt, aber an dir ist Hopfen und Malz verloren.“
„Ei, Mutter,“ antwortete sie. „ich will gerne was lernen. Ja, wenn’s anginge, so möchte ich lernen, dass mir’s gruselte; davon verstehe ich noch gar nichts.“ Die Älteste lachte, als sie das hörte und dachte bei sich: ‚Du lieber Gott, was ist meine Schwester für ein Dummkopf. Aus der wird ihr Lebtag nichts. Was ein Häkchen werden will, muss sich beizeiten krümmen.‘ Die Mutter seufzte und antwortete ihr:
„Das Gruseln, das sollst du schon lernen. Aber dein Brot wirst du damit nicht verdienen.“

Bald danach kam die Küsterin zu Besuch in’s Haus. Da klagte ihr die Mutter ihre Not und erzählte, wie ihre jüngste Tochter in allen Dingen so schlecht beschlagen wäre. Sie wüsste nichts und lernte nichts.
„Denkt Euch, als ich sie fragte, womit sie ihr Brot verdienen wollte, hat sie gar verlangt, das Gruseln zu lernen.“
„Wenn’s weiter nichts ist.“ antwortete die Küsterin. „Das kann sie bei mir lernen. Tut sie nur zu mir, ich werde sie schon abhobeln.“ Die Mutter war zufrieden, weil sie dachte: ‚Das Mädchen wird doch ein wenig zugestutzt.‘ Die Küsterin nahm sie also ins Haus und sie musste die Glocken läuten. Nach ein paar Tagen weckte sie sie um Mitternacht, hieß sie aufstehen, in den Kirchturm steigen und läuten. ‚Du sollst schon lernen, was Gruseln ist.‘ dachte sie, ging heimlich voraus, und als das Mädchen oben war und sich umdrehte und das Glockenseil fassen wollte, so sah sie auf der Treppe, dem Schallloch gegenüber, eine weiße Gestalt stehen.
„Wer da?“ rief sie, aber die Gestalt gab keine Antwort, regte und bewegte sich nicht. „Gib Antwort,“ rief das Mädchen. „oder mache, dass du fortkommst! Du hast hier in der Nacht nichts zu schaffen!“ Die Küsterin aber blieb unbeweglich stehen, damit das Mädchen glauben sollte, es wäre ein Gespenst. Das Mädchen rief zum zweitenmal: „Was willst du hier? Sprich, wenn du ein ehrliches Weib bist, oder ich werfe dich die Treppe hinab.“ Die Küsterin dachte: ‚Das wird so schlimm nicht gemeint sein‘, gab keinen Laut von sich und stand, als wenn sie von Stein wäre. Da rief sie das Mädchen zum dritten Mal an und als das auch vergeblich war, nahm sie einen Anlauf und stieß das Gespenst die Treppe hinab, dass es zehn Stufen hinabfiel und in einer Ecke liegenblieb. Darauf läutete sie die Glocke, ging heim, legte sich ohne ein Wort zu sagen ins Bett und schlief fort.
Der Küstermann wartete lange Zeit auf seine Frau, aber sie wollte nicht wiederkommen. Da ward ihm endlich angst. Er weckte das Mädchen und fragte:
„Weißt du nicht, wo meine Frau geblieben ist? Sie ist vor dir auf den Turm gestiegen.“
„Nein.“ antwortete das Mädchen. „Aber da hat eine dem Schallloch gegenüber auf der Treppe gestanden und weil sie keine Antwort geben und auch nicht weggehen wollte, so habe ich sie für eine Missetäterin gehalten und hinuntergestoßen. Geht nur hin, so werdet Ihr sehen, ob sie’s gewesen ist. Es sollte mir leid tun.“ Der Mann sprang fort und fand seine Frau, die in einer Ecke lag und jammerte und ein Bein gebrochen hatte.

Er trug sie herab und eilte mit lautem Geschrei zu der Mutter des Mädchens.
„Eure Tochter,“ rief er. „hat ein großes Unglück angerichtet, meine Frau hat sie die Treppe hinabgeworfen, dass sie ein Bein gebrochen hat. Schafft den Taugenichts aus unserm Hause!“ Die Mutter erschrak, kam herbeigelaufen und schalt das Mädchen aus.
„Was sind das für gottlose Streiche, die muss dir der Böse eingegeben haben.“
„Mutter,“ antwortete sie. „hört nur an, ich bin ganz unschuldig. Sie stand da in der Nacht wie eine, die Böses im Sinne hat. Ich wusste nicht, wer’s war, und habe sie dreimal ermahnt, zu reden oder wegzugehen.“
„Ach,“ sprach die Mutter. „mit dir erleb ich nur Unglück. Geh mir aus den Augen, ich will dich nicht mehr ansehen.“
„Ja, Mutter, recht gerne. Wartet nur bis Tag ist, da will ich ausgehen und das Gruseln lernen, so versteh‘ ich doch eine Kunst, die mich ernähren kann.“
„Lerne, was du willst.“ sprach die Mutter. „Mir ist alles einerlei. Da hast du fünfzig Taler, damit geh in die weite Welt und sage keinem Menschen, wo du her bist und wer deine Mutter ist, denn ich muss mich deiner schämen.“
„Ja, Mutter, wie Ihr’s haben wollt. Wenn Ihr nicht mehr verlangt, das kann ich leicht tun.“

Als nun der Tag anbrach, steckte das Mädchen ihre fünfzig Taler in die Tasche, ging hinaus auf die große Landstraße und sprach immer vor sich hin:
„Wenn mir’s nur gruselte! Wenn mir’s nur gruselte!“ Da kam eine Frau heran, die hörte das Gespräch, das das Mädchen mit sich selber führte, und als sie ein Stück weiter waren, dass man den Galgen sehen konnte, sagte die Frau zu ihr:
„Siehst du, dort ist der Baum, wo sieben mit des Seilers Sohn Hochzeit gehalten haben und jetzt das Fliegen lernen. Setz dich darunter und warte, bis die Nacht kommt, so wirst du schon noch das Gruseln lernen.“
„Wenn weiter nichts dazu gehört…“ antwortete das Mädchen. „Das ist leicht getan. Lerne ich aber so geschwind das Gruseln, so sollst du meine fünfzig Taler haben. Komm nur morgen früh wieder zu mir.“ Da ging das Mädchen zu dem Galgen, setzte sich darunter und wartete, bis der Abend kam. Und weil sie fror, machte sie sich ein Feuer an. Aber um Mitternacht ging der Wind so kalt, dass ihr trotz des Feuers nicht warm werden wollte. Und als der Wind die Gehenkten gegeneinanderstieß, dass sie sich hin und her bewegten, so dachte sie: ‚Du frierst unten bei dem Feuer, was mögen die da oben erst frieren und zappeln.‘ Und weil sie mitleidig war, legte sie die Leiter an, stieg hinauf, knüpfte eine nach der andern los und holte sie alle sieben herab. Darauf schürte sie das Feuer, blies es an und setzte sie ringsherum, dass sie sich wärmen sollten. Aber sie saßen da und regten sich nicht, und das Feuer ergriff ihre Kleider. Da sprach sie:
„Nehmt euch in acht, sonst häng ich euch wieder hinauf.“ Die Toten aber hörten nicht, schwiegen und ließen ihre Lumpen fortbrennen. Da ward sie bös‘ und sprach: „Wenn ihr nicht achtgeben wollt, so kann ich euch nicht helfen, ich will nicht mit euch verbrennen.“ Und sie hing sie nach der Reihe wieder hinauf. Nun setzte sie sich zu ihrem Feuer und schlief ein. Und am andern Morgen, da kam die Frau zu ihr, wollte die fünfzig Taler haben und sprach:
“ Nun, weißt du, was Gruseln ist?“
„Nein.“ antwortete sie. „Woher sollte ich’s wissen? Die da droben haben das Maul nicht auf getan und waren so dumm, dass sie die paar alten Lappen, die sie am Leibe haben, brennen ließen.“ Da sah die Frau, dass sie die fünfzig Taler heute nicht davontragen würde, ging fort und sprach:
„So eine ist mir noch nicht vorgekommen.“

Das Mädchen ging auch ihres Wegs und fing wieder an, vor sich hin zu reden:
„Ach, wenn mir’s nur gruselte! Ach, wenn mir’s nur gruselte!“ Das hörte eine Fuhrfrau, die hinter ihr her schritt, und fragte:
„Wer bist du?“
„Ich weiß nicht.“ antwortete das Mädchen. Die Fuhrfrau fragte weiter:
„Wo bist du her?“
„Ich weiß nicht.“
„Wer ist deine Mutter?“
„Das darf ich nicht sagen.“
„Was brummst du beständig vor Dich hin?“
„Ei,“ antwortete das Mädchen. „ich wollte, dass mir’s gruselte, aber niemand kann mich’s lehren.“
„Lass dein dummes Geschwätz,“ sprach die Fuhrfrau. „Komm, geh mit mir. Ich will sehen, dass ich dich unterbringe.“ Das Mädchen ging mit der Fuhrfrau und abends gelangten sie zu einem Wirtshaus, wo sie übernachten wollten. Da sprach sie beim Eintritt in die Stube wieder ganz laut:
„Wenn mir’s nur gruselte! Wenn mir’s nur gruselte!“ Die Wirtin, die das hörte, lachte und sprach:
„Wenn dich danach lüstet, dazu sollte hier wohl Gelegenheit sein.“
„Ach, schweig stille!“ sprach der Wirt. „So manche Vorwitzige hat schon ihr Leben eingebüßt. Es wäre Jammer und Schade um die schönen Augen, wenn die das Tageslicht nicht wieder sehen sollten.“ Das Mädchen aber sagte:
„Wenn’s noch so schwer wäre, ich will’s einmal lernen, deshalb bin ich ja ausgezogen.“ Sie ließ der Wirtin auch keine Ruhe, bis diese erzählte, nicht weit davon stände ein verwünschtes Schloss, wo eine wohl lernen könnte, was Gruseln wäre, wenn sie nur drei Nächte darin wachen wollte. Die Königin hätte der, die’s wagen wollte, ihren Sohn zum Gemahl versprochen. Und der wäre der schönste Jüngling, welchen die Sonne beschien. In dem Schlosse steckten auch große Schätze, von bösen Geistern bewacht, die würden dann frei und könnten eine Arme sehr reich machen. Schon viele wären wohl hinein, aber noch keiner wieder herausgekommen.
Da ging das Mädchen am andern Morgen vor die Königin und sprach:
„Wenn’s erlaubt wäre, so wollte ich wohl drei Nächte in dem verwünschten Schlosse wachen.“ Die Königin sah sie an und weil sie ihr gefiel, sprach sie:
„Du darfst dir noch dreierlei ausbitten, aber es müssen leblose Dinge sein, und das darfst du mit ins Schloss nehmen.“ Da antwortete sie:
„So bitt ich um ein Feuer, eine Drehbank und eine Schnitzbank mit dem Messer.“

Die Königin ließ ihr das alles bei Tage in das Schloss tragen. Als es Nacht werden wollte, ging das Mädchen hinauf, machte sich in einer Kammer ein helles Feuer an, stellte die Schnitzbank mit dem Messer daneben und setzte sich auf die Drehbank.
„Ach, wenn mir’s nur gruselte.“ sprach sie. „Aber hier werde ich’s auch nicht lernen.“ Gegen Mitternacht wollte sie sich ihr Feuer einmal aufschüren. Wie sie so hineinblies, da schrie’s plötzlich aus einer Ecke:
„Au, miau! Was uns friert!“
„Ihr Narren!“ rief sie. „Was schreit ihr? Wenn euch friert, kommt, setzt euch ans Feuer und wärmt euch.“ Und wie sie das gesagt hatte, kamen zwei große schwarze Katzen in einem gewaltigen Sprunge herbei, setzten sich ihr zu beiden Seiten und sahen sie mit feurigen Augen ganz wild an. Über ein Weilchen, als sie sich gewärmt hatten, sprachen sie:
„Kameradin, wollen wir eins in der Karte spielen?“
„Warum nicht?“ antwortete sie. „Aber zeigt einmal eure Pfoten her.“ Da streckten sie die Krallen aus. „Ei,“ sagte sie. „was habt ihr lange Nägel! Wartet, die muss ich euch erst abschneiden.“ Damit packte sie sie beim Kragen, hob sie auf die Schnitzbank und schraubte ihnen die Pfoten fest. „Euch habe ich auf die Finger gesehen!“ sprach sie. „Da vergeht mir die Lust zum Kartenspiel.“ Sie schlug sie tot und warf sie hinaus ins Wasser.
Als sie aber die zwei zur Ruhe gebracht hatte und sich wieder zu ihrem Feuer setzen wollte, da kamen aus allen Ecken und Enden schwarze Katzen und schwarze Hunde an glühenden Ketten, immer mehr und mehr, dass sie sich nicht mehr bewegen konnte. Die schrien greulich, traten ihr auf ihr Feuer, zerrten es auseinander und wollten es ausmachen. Das sah sie ein Weilchen ruhig mit an, als es ihr aber zu arg ward, fasste sie ihr Schnitzmesser und rief:
„Fort mit dir, du Gesindel!“ und haute auf sie los. Ein Teil sprang weg, die andern schlug sie tot und warf sie hinaus in den Teich. Als sie wieder gekommen war, blies sie aus den Funken ihr Feuer frisch an und wärmte sich.
Und als sie so saß, wollten ihr die Augen nicht länger offen bleiben und sie bekam Lust zu schlafen. Da blickte sie um sich und sah in der Ecke ein großes Bett.
„Das ist mir eben recht.“ sprach sie, und legte sich hinein. Als sie aber die Augen zutun wollte, so fing das Bett von selbst an zu fahren und fuhr im ganzen Schloss herum. „Recht so.“ sprach sie. „Nur besser zu.“ Da rollte das Bett fort, als wären sechs Pferde vorgespannt, über Schwellen und Treppen auf und ab. Auf einmal, hopp hopp!, warf es um, das Unterste zuoberst, dass es wie ein Berg auf ihr lag.
Aber sie schleuderte Decken und Kissen in die Höhe, stieg heraus und sagte: „Nun mag fahren, wer Lust hat.“ legte sich an ihr Feuer und schlief, bis es Tag war.

Am Morgen kam die Königin, und als sie sie da auf der Erde liegen sah, meinte sie, die Gespenster hätten sie umgebracht und sie wäre tot. Da sprach sie:
„Es ist doch schade um den schönen Menschen.“ Das hörte das Mädchen, richtete sich auf und sprach:
„So weit ist’s noch nicht!“ Da verwunderte sich die Königin, freute sich aber und fragte, wie es ihr gegangen wäre. „Recht gut.“ antwortete sie. „Eine Nacht wäre herum, die zwei andern werden auch herumgehen.“ Als sie zur Wirtin kam, da machte die große Augen.
„Ich dachte nicht,“ sprach sie. „dass ich dich wieder lebendig sehen würde. Hast du nun gelernt, was Gruseln ist?“
„Nein.“ sagte sie. „Es ist alles vergeblich. Wenn mir’s nur einer sagen könnte!“

Die zweite Nacht ging sie abermals hinauf in’s alte Schloss, setzte sich zum Feuer und fing ihr altes Lied wieder an:
„Wenn mir’s nur gruselte!“ Wie Mitternacht herankam, ließ sich ein Lärm und Gepolter hören, erst sachte dann immer stärker. Dann war’s ein bisschen still. Endlich kam mit lautem Geschrei ein halber Mensch den Schornstein herab und fiel vor sie hin. „Heda!“ rief sie. „Noch ein halber gehört dazu, das ist zu wenig.“ Da ging der Lärm von frischem an, es tobte und heulte und fiel die andere Hälfte auch herab. „Warte.“ sprach sie. „Ich will dir erst das Feuer ein wenig anblasen.“ Wie sie das getan hatte und sich wieder umsah, da waren die beiden Stücke zusammengefahren und saß da eine greuliche Frau auf ihrem Platz. „So haben wir nicht gewettet.“ sprach das Mädchen. „Die Bank ist mein.“ Die Frau wollte sie wegdrängen, aber das Mädchen ließ sich’s nicht gefallen, schob sie mit Gewalt weg und setzte sich wieder auf ihren Platz.
Da fielen noch mehr Frauen herab, eine nach der andern, die holten neun Totenbeine und zwei Totenköpfe, setzten auf und spielten Kegel. Das Mädchen bekam auch Lust und fragte:
„Hört ihr, kann ich mit sein?“
„Ja, wenn du Geld hast.“
„Geld genug,“ antwortete sie. „aber eure Kugeln sind nicht recht rund.“ Da nahm sie die Totenköpfe, setzte sie in die Drehbank und drehte sie rund. „So, jetzt werden sie besser rollen.“ sprach sie. „Heida! Nun geht’s lustig!“ Sie spielte mit und verlor etwas von ihrem Geld, als es aber zwölf schlug, war alles vor ihren Augen verschwunden. Sie legte sich nieder und schlief ruhig ein.
Am andern Morgen kam die Königin und wollte sich erkundigen.
„Wie ist dir’s diesmal gegangen?“ fragte sie.
„Ich habe gekegelt“ antwortete sie. „und ein paar Heller verloren.“
„Hat dir denn nicht gegruselt?“
„Ei was.“ sprach sie. „Lustig hab ich mich gemacht. Wenn ich nur wüsste, was Gruseln wäre!“

In der dritten Nacht setzte sie sich wieder auf ihre Bank und sprach ganz verdrießlich:
„Wenn es mir nur gruselte!“
Als es spät ward, kamen sechs große Frauen und brachten eine Totenlade hereingetragen. Da sprach sie:
„Ha, ha, das ist gewiss mein Kusinchen, das erst vor ein paar Tagen gestorben ist.“ Sie winkte mit dem Finger und rief, „Komm, Kusinchen, komm!“ Sie stellten den Sarg auf die Erde, sie aber ging hinzu und nahm den Deckel ab. Da lag eine tote Frau darin. Sie fühlte ihr ans Gesicht, aber es war kalt wie Eis. „Wart!“ sprach sie. „Ich will dich ein bisschen wärmen.“ Sie ging ans Feuer, wärmte ihre Hand und legte sie ihm aufs Gesicht, aber die Tote blieb kalt. Nun nahm sie sie heraus, setzte sich ans Feuer, legte sie auf ihren Schoß und rieb ihr die Arme, damit das Blut wieder in Bewegung kommen sollte. Als auch das nichts helfen wollte, fiel ihr ein: „Wenn zwei zusammen im Bett liegen, so wärmen sie sich.“ Sie brachte sie ins Bett, deckte sie zu und legte sich neben sie. Über ein Weilchen ward die Tote warm und fing an sich zu regen. Da sprach das Mädchen: „Siehst du, Kusinchen, hätt ich dich nicht gewärmt!“ Die Tote aber hub an und rief:
„Jetzt will ich dich erwürgen.“
„Was?“ sagte sie. „Ist das mein Dank? Gleich sollst du wieder in deinen Sarg.“ hub sie auf, warf sie hinein und machte den Deckel zu. Da kamen die sechs Frauen und trugen sie wieder fort. „Es will mir nicht gruseln.“ sagte sie. „Hier lerne ich’s mein Lebtag nicht.“

Da trat eine Frau herein, die war größer als alle anderen, und sah fürchterlich aus. Sie war aber alt und hatte langes weißes Haar.
„O du Wicht!“ rief sie. „Nun sollst du bald lernen, was Gruseln ist, denn du sollst sterben.“
„Nicht so schnell.“ antwortete das Mädchen. „Soll ich sterben, so muss ich auch dabei sein.“
„Dich will ich schon packen.“ sprach die Unholdin.
„Sachte, sachte, mach dich nicht so breit. So stark wie du bin ich auch und wohl noch stärker.“
„Das wollen wir sehn.“ sprach die Alte. „Bist du stärker als ich, so will ich dich geh’n lassen. Komm, wir wollen’s versuchen.“
Da führte sie sie durch dunkle Gänge zu einem Schmiedefeuer, nahm eine Axt und schlug den einen Amboss mit einem Schlag in die Erde.
„Das kann ich noch besser.“ sprach das Mädchen und ging zu dem andern Amboss. Die Alte stellte sich nebenhin und wollte zusehen und ihr weißes Haar hing herab. Da fasste das Mädchen die Axt, spaltete den Amboss auf einen Hieb und klemmte das Haar der Alten mit hinein. „Nun hab ich dich!“ sprach das Mädchen. „Jetzt ist das Sterben an dir.“ Dann fasste sie eine Eisenstange und schlug auf die Alte los, bis sie wimmerte und bat, sie möchte aufhören, sie wollte ihr große Reichtümer geben. Das Mädchen zog die Axt raus und ließ sie los.
Die Alte führte sie wieder in’s Schloss zurück und zeigte ihr in einem Keller drei Kasten voll Gold.
„Davon,“ sprach sie. „ist ein Teil den Armen, der andere der Königin, der dritte dein.“ Indes schlug es zwölfe, und der Geist verschwand, so dass das Mädchen im Finstern stand.
„Ich werde mir doch heraushelfen können.“ sprach sie, tappte herum, fand den Weg in die Kammer und schlief dort bei ihrem Feuer ein. Am andern Morgen kam die Königin und sagte:
„Nun wirst du gelernt haben, was Gruseln ist?“
„Nein.“ antwortete sie. „Was ist’s nur? Meine tote Kusine war da, und eine langhaarige Frau ist gekommen, die hat mir da unten viel Geld gezeigt, aber was Gruseln ist, hat mir keiner gesagt.“ Da sprach die Königin:
„Du hast das Schloss erlöst und sollst meinen Sohn heiraten.“
„Das ist alles recht gut.“ antwortete sie. „Aber ich weiß noch immer nicht, was Gruseln ist.“

Da ward das Gold heraufgebracht und die Hochzeit gefeiert, aber die junge Königin, so lieb sie ihren Gemahl hatte und so vergnügt sie war, sagte doch immer:
„Wenn mir’s nur gruselte! Wenn mir’s nur gruselte!“ Das verdross ihn endlich. Sein Kammerjunge sprach:
„Ich will Hilfe schaffen, das Gruseln soll sie schon lernen.“ Er ging hinaus zum Bach, der durch den Garten floss, und ließ sich einen ganzen Eimer voll Gründlinge holen. Nachts, als die junge Königin schlief, musste ihr Gemahl ihr die Decke wegziehen und den Eimer voll kalt Wasser mit den Gründlingen über sie her schütten, dass die kleinen Fische um sie herum zappelten. Da wachte sie auf und rief:
„Ach, was gruselt mir, was gruselt mir, lieber Mann! Ja, nun weiß ich, was Gruseln ist.“


Aus: „Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ (KHM 4)
Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen bei Wikipedia
Quelle: Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen bei Grimmstories.com

Anpassungen:

  • Geschlechterpronomen
  • Aktuelle Rechtschreibung
  • Zeichensetzung
  • Aus „Dummbart“ wurde „Dummkopf“
  • Aus „Was brummst du beständig in den Bart hinein?“ wurde „Was brummst Du beständig vor Dich hin?“
  • Aus „Jungfrau“ wurde „Jüngling“
  • Aus „schüppeln“ (beim Kegeln) wurde „rollen“
  • Aus „ehrlicher Kerl“ wurde „ehrliches Weib“
  • Aus „Spitzbube“ wurde „Missetäterin“
  • Aus „Vetterchen“ wurde „Kusinchen“
  • Aus dem großen alten Mann mit dem langen weißen Bart wurde eine große alte Frau mit langem weißem Haar
  • „Wicht“ und „Taugenichts“ wurden beibehalten, weil es keine geeignete Übertragung gibt, die die hier gewünschte Konnotation auch ausdrückt.
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