Die drei Sprachen

In der Schweiz lebte einmal eine alte Gräfin, die hatte nur eine einzige Tochter, aber die war dumm und konnte nichts lernen. Da sprach die Mutter:
„Höre, meine Tochter, ich bringe nichts in deinen Kopf. Ich mag es anfangen, wie ich will. Du musst fort von hier. Ich will dich einer berühmten Meisterin übergeben. Die soll es mit dir versuchen.“
Die Maid ward in eine fremde Stadt geschickt und blieb bei der Meisterin ein ganzes Jahr. Nach Verlauf dieser Zeit kam sie wieder heim und die Mutter fragte:
„Nun meine Tochter, was hast du gelernt?“
„Mutter, ich habe gelernt, was die Hunde bellen.“ antwortete sie.
„Dass Gott erbarm!“ rief die Mutter aus. „Ist das alles, was du gelernt hast? Ich will dich in eine andere Stadt zu einer anderen Meisterin tun.“

Die Maid ward hingebracht und blieb bei dieser Meisterin auch ein Jahr. Als sie zurückkam, fragte die Mutter wiederum:
„Meine Tochter, was hast du gelernt?“ Sie antwortete:
„Mutter, ich habe gelernt, was die Vögli sprechen.“ Da geriet die Mutter in Zorn und sprach:
„O, du verlorner Mensch, hast die kostbare Zeit hingebracht und nichts gelernt, und schämst dich nicht, mir unter die Augen zu treten? Ich will dich zu einer dritten Meisterin schicken, aber lernst du auch diesmal nichts, so will ich deine Mutter nicht mehr sein.“

Die Tochter blieb bei dem dritten Meisterin ebenfalls ein ganzes Jahr und als sie wieder nach Haus kam und die Mutter fragte:
„Meine Tochter, was hast du gelernt?“ so antwortete sie:
„Liebe Mutter, ich habe dieses Jahr gelernt, was die Frösche quaken.“ Da geriet die Mutter in den höchsten Zorn, sprang auf, rief ihre Leute herbei und sprach:
„Dieser Mensch ist meine Tochter nicht mehr! Ich stoße sie aus und gebiete euch, dass ihr sie hinaus in den Wald führt und ihr das Leben nehmt.“ Sie führten sie hinaus, aber als sie sie töten sollten, konnten sie nicht vor Mitleiden und ließen sie gehen. Sie schnitten einem Reh Augen und Zunge aus, damit sie der Alten die Wahrzeichen bringen konnten.

Die Maid wanderte fort und kam nach einiger Zeit zu einer Burg, wo sie um Nachtherberge bat.
„Ja.“ sagte die Burgherrin. „Wenn du da unten in dem alten Turm übernachten willst, so gehe hin. Aber ich warne dich, es ist lebensgefährlich, denn er ist voll wilder Hunde, die bellen und heulen in einem fort. Und zu gewissen Stunden müssen sie einen Menschen ausgeliefert haben, den sie auch gleich verzehren.“ Die ganze Gegend war darüber in Trauer und Leid und konnte doch niemand helfen. Die Maid aber war ohne Furcht und sprach:
„Lasst mich nur hinab zu den bellenden Hunden und gebt mir etwas, das ich ihnen vorwerfen kann. Mir sollen sie nichts tun.“ Weil sie nun selber nicht anders wollte, so gaben sie ihr etwas Essen für die wilden Tiere und brachten sie hinab zu dem Turm. Als sie hineintrat, bellten sie die Hunde nicht an, wedelten mit den Schwänzen ganz freundlich um sie herum, fraßen, was sie ihnen hinsetzte, und krümmten ihr kein Härchen.
Am andern Morgen kam sie zu jedermanns Erstaunen gesund und unversehrt wieder zum Vorschein und sagte zu der Burgherrin:
„Die Hunde haben mir in ihrer Sprache offenbart, warum sie da hausen und dem Lande Schaden bringen. Sie sind verwünscht und müssen einen großen Schatz hüten, der unten im Turme liegt, und kommen nicht eher zur Ruhe, als bis er gehoben ist. Und wie dies geschehen muss, das habe ich ebenfalls aus ihren Reden vernommen.“ Da freuten sich alle, die das hörten, und die Burgherrin sagte, sie wollte sie an Tochter Statt annehmen, wenn sie es glücklich vollbrächte. Sie stieg wieder hinab und weil sie wusste, was sie zu tun hatte, so vollführte sie es und brachte eine mit Gold gefüllte Truhe herauf. Das Geheul der wilden Hunde ward von nun an nicht mehr gehört, sie waren verschwunden und das Land war von der Plage befreit.

Über eine Zeit kam es ihr in den Sinn, sie wollte nach Rom fahren. Auf dem Weg kam sie an einem Sumpf vorbei, in welchem Frösche saßen und quakten. Sie horchte auf und als sie vernahm, was sie sprachen, ward sie ganz nachdenklich und traurig.
Endlich langte sie in Rom an, da war gerade die Päpstin gestorben und unter den Kardinälinnen großer Zweifel, wen sie zur Nachfolgerin bestimmen sollten. Sie wurden zuletzt einig, diejenige sollte zur Päpstin erwählt werden, an der sich ein göttliches Wunderzeichen offenbaren würde. Und als das eben beschlossen war, in demselben Augenblick trat die junge Gräfin in die Kirche und plötzlich flogen zwei schneeweiße Tauben auf ihre beiden Schultern und blieben da sitzen. Die Geistlichkeit erkannte darin das Zeichen Gottes und fragte sie auf der Stelle, ob sie Päpstin werden wolle. Sie war unschlüssig und wusste nicht, ob sie dessen würdig wäre. Aber die Tauben redeten ihr zu, dass sie es tun möchte, und endlich sagte sie:
„Ja.“ Da wurde sie gesalbt und geweiht und damit war eingetroffen, was sie von den Fröschen unterwegs gehört und was sie so bestürzt gemacht hatte: Dass sie die heilige Päpstin werden sollte. Darauf musste sie eine Messe singen und wusste kein Wort davon, aber die zwei Tauben saßen stets auf ihren Schultern und sagten ihr alles ins Ohr.


Aus „Die drei Sprachen“ (KHM 33): Die drei Sprachen bei Wikipedia
Quelle: Die drei Sprachen bei Grimmstories.com

Anpassungen:

  • Geschlechterpronomen
  • aktuelle Rechtschreibung
  • Zeichensetzung
  • Aus „der Junge“ wurde „die Maid“, damit nicht das versächlichende „das“ (Mädchen) verwendet wird. Der „Jüngling“ wird natürlich ebenfalls zur „Maid“.
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