Die Liebste Orlanda

Es war einmal ein Mann, der war ein rechter Hexer und hatte zwei Söhne. Einer war hässlich und böse, und den liebte er, weil er sein rechter Sohn war. Und einer war schön und gut, den hasste er, weil er sein Stiefsohn war.

Zu einer Zeit hatte der Stiefsohn eine schöne Schürze, die dem andern gefiel, so dass er neidisch war und seinem Vater sagte, er wollte und müsste die Schürze haben.
„Sei still, mein Kind!“ sprach der Alte. „Du sollst sie auch haben. Dein Stiefbruder hat längst den Tod verdient. Heute Nacht, wenn er schläft, so komm und ich haue ihm den Kopf ab. Sorge nur, dass du hinten in’s Bett zu liegen kommst und schieb ihn recht weit vorne hin.“

Um den armen Jungen wär‘ es geschehen, wenn er nicht gerade in einer Ecke gestanden und alles mit angehört hätte. Er durfte den ganzen Tag nicht zur Türe hinaus und als Schlafenszeit gekommen war, musste er zuerst ins Bett steigen, damit sich der Bruder hinten hinlegen konnte. Als der aber eingeschlafen war, da schob er ihn sachte nach vorn hin und nahm den Platz hinten an der Wand. In der Nacht kam der Alte geschlichen, in der rechten Hand hielt er eine Axt, mit der linken fühlte er erst, ob auch jemand vorne lag. Dann fasste er die Axt mit beiden Händen, hieb und hieb seinem eigenen Kind den Kopf ab. Als er fortgegangen war, stand der Junge auf und ging zu seiner Liebsten, die Orlanda hieß, und klopfte an ihre Türe. Als sie herauskam, sprach er zu ihr:
„Höre, liebste Orlanda, wir müssen eilig flüchten. Der Stiefvater hat mich totschlagen wollen, hat aber sein eigenes Kind getroffen. Kommt der Tag und er sieht, was er getan hat, so sind wir verloren.“
„Aber ich rate dir,“ sagte Orlanda. „dass du erst seinen Zauberstab wegnimmst, sonst können wir uns nicht retten, wenn er uns nachsetzt und verfolgt.“ Der Junge holte den Zauberstab und dann nahm er den toten Kopf und tröpfelte drei Blutstropfen auf die Erde: einen vor‘s Bett, einen in die Küche und einen auf die Treppe. Darauf eilte er mit seiner Liebsten fort.

Als nun am Morgen der alte Hexer aufgestanden war, rief er seinen Sohn und wollte ihm die Schürze geben. Aber er kam nicht. Da rief er:
„Wo bist du?“
„Ei, hier auf der Treppe, da kehr‘ ich.“ antwortete der eine Blutstropfen. Der Alte ging hinaus, sah aber niemand auf der Treppe und rief abermals:
„Wo bist du?“
„Ei, hier in der Küche, da wärm‘ ich mich.“ rief der zweite Blutstropfen. Er ging in die Küche, aber er fand niemand. Da rief er noch einmal:
„Wo bist du?“
„Ach, hier im Bette, da schlaf ich.“ rief der dritte Blutstropfen. Er ging in die Kammer ans Bett. Was sah er da? Sein eigenes Kind, das in seinem Blute schwamm und dem er selbst den Kopf abgehauen hatte.
Der Hexer geriet in Wut, sprang an’s Fenster und da er weit in die Welt schauen konnte, erblickte er seinen Stiefsohn, der mit seiner Liebsten Orlanda forteilte.
„Das soll euch nichts helfen!“ rief er. „Wenn ihr auch schon weit weg seid, ihr entflieht mir doch nicht.“

Er zog seine Meilenstiefel an, in welchen er mit jedem Schritt eine Stunde machte, und es dauerte nicht lange, so hatte er beide eingeholt. Der Junge aber, wie er den Alten daher schreiten sah, verwandelte mit dem Zauberstab seine Liebste Orlanda in einen See, sich selbst aber in eine Ente, die mitten auf dem See schwamm. Der Hexer stellte sich ans Ufer, warf Brotbrocken hinein und gab sich alle Mühe, die Ente herbeizulocken. Aber die Ente ließ sich nicht locken und der Alte musste abends unverrichteter Sache wieder umkehren.

Darauf nahm der Junge mit seiner Liebsten Orlanda wieder die natürliche Gestalt an und sie gingen die ganze Nacht weiter bis zu Tagesanbruch. Da verwandelte sich der Junge in eine schöne Blume, die mitten in einer Dornhecke stand, seine Liebste Orlanda aber in eine Geigenspielerin. Nicht lange, so kam der Hexer herangeschritten und sprach zu der Spielfrau:
„Liebe Spielmann, darf ich mir wohl die schöne Blume abbrechen?“
„Oh ja!“ antwortete sie. „Ich will dazu aufspielen.“ Als er nun mit Hast in die Hecke kroch und die Blume brechen wollte, denn er wusste wohl, wer die Blume war, so fing sie an aufzuspielen und, er mochte wollen oder nicht, er musste tanzen, denn es war ein Zaubertanz. Je schneller sie spielte, desto gewaltigere Sprünge musste er machen und die Dornen rissen ihm die Kleider vom Leibe, stachen ihn blutig und wund. Und da sie nicht aufhörte, musste er so lange tanzen, bis er tot liegen blieb.

Als sie nun erlöst waren, sprach Orlanda:
„Nun will ich zu meiner Mutter gehen und die Hochzeit bestellen.“
„So will ich derweil hier bleiben und auf Dich warten.“ sagte der Junge. „Und damit mich niemand erkennt, will ich mich in einen roten Feldstein verwandeln.“ Da ging Orlanda fort und der Junge stand als ein roter Stein auf dem Felde und wartete auf seine Liebste.

Als aber Orlanda heim kam, geriet sie in die Fallstricke eines andern, der sie dahin brachte, dass sie den Jungen vergaß. Der arme Junge stand lange Zeit. Als sie aber endlich gar nicht wiederkam, so ward er traurig und verwandelte sich in eine Blume und dachte: ‚Es wird ja wohl eine dahergehen und mich umtreten.‘

Es trug sich aber zu, dass eine Schäferin auf dem Felde ihre Schafe hütete und die Blume sah. Und weil sie so schön war, so brach sie sie ab, nahm sie mit sich und legte sie in ihren Kasten. Von der Zeit an ging es wunderlich in der Schäferin Haus zu. Wenn sie morgens aufstand, so war schon alle Arbeit getan: die Stube war gekehrt, Tische und Bänke abgeputzt, Feuer auf den Herd gemacht und Wasser getragen; und mittags, wenn sie heim kam, war der Tisch gedeckt und ein gutes Essen aufgetragen. Sie konnte nicht begreifen, wie das zuging, denn sie sah niemals einen Menschen in ihrem Haus und es konnte sich auch niemand in der kleinen Hütte versteckt haben. Die gute Aufwartung gefiel ihr freilich, aber zuletzt ward ihr doch angst, so dass sie zu einem weisen Mann ging und ihn um Rat fragte. Der weise Mann sprach:
„Es steckt Zauberei dahinter. Gib einmal morgens in aller Frühe acht, ob sich etwas in der Stube regt. Und wenn du etwas siehst, es mag sein, was es will, so wirf schnell ein weißes Tuch darüber, dann wird der Zauber gehemmt.“ Die Schäferin tat, wie er gesagt hatte, und am andern Morgen, eben als der Tag anbrach, sah sie, wie sich der Kasten auftat und die Blume herauskam.
Schnell sprang sie hinzu und warf ein weißes Tuch darüber. Alsbald war die Verwandlung vorbei und ein schöner Junge stand vor ihr, der bekannte ihr, dass er die Blume gewesen wäre und ihren Haushalt bisher besorgt hätte. Er erzählte ihr sein Schicksal und weil es ihr gefiel, fragte sie, ob er sie heiraten wollte. Aber er antwortete „Nein“, denn er wollte seiner Liebsten Orlanda, obgleich sie ihn verlassen hatte, doch treu bleiben. Aber er versprach, dass er nicht weggehen, sondern ihr fernerhin haushalten wollte.

Nun kam die Zeit heran, dass Orlanda Hochzeit halten sollte. Da ward nach altem Brauch im Lande bekanntgemacht, dass alle Jungen sich einfinden und zu Ehren des Brautpaars singen sollten. Der treue Junge, als er davon hörte, ward so traurig, dass er meinte, das Herz im Leibe würde ihm zerspringen, und wollte nicht hingehen. Aber die andern kamen und holten ihn herbei. Wenn aber die Reihe kam, dass er singen sollte, so trat es zurück, bis er allein noch übrig war. Da konnte er nicht anders.
Aber wie er seinen Gesang anfing und er zu Orlandas Ohren kam, so sprang sie auf und rief:
„Die Stimme kenne ich. Das ist der rechte Bräutigam. Einen anderen begehr‘ ich nicht.“ Alles, was sie vergessen hatte und ihr aus dem Sinn verschwunden war, das war plötzlich in ihr Herz wieder heimgekommen. Da hielt der treue Junge Hochzeit mit seiner Liebsten Orlanda und war sein Leid zu Ende und fing seine Freude an.


Aus „Der Liebste Roland“ (KHM 56): Der Liebste Roland bei Wikipedia
Quelle: Der Liebste Roland bei Grimmstories.com

Anpassungen:

  • Geschlechterpronomen
  • Aktuelle Rechtschreibung
  • Zeichensetzung
  • Aus „Roland“ der Originalfassung wurde „Orlanda“. Auch wenn es mit „Rolanda“ eine direktere Übertragung des Namens gibt, so wirkt „Orlanda“ der Bearbeiterin doch eleganter.
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