Die Schneiderin im Himmel

Es trug sich zu, dass Gott an einem schönen Tag in dem himmlischen Garten sich ergehen wollte und alle Apostel und Heiligen mitnahm, also dass niemand mehr im Himmel blieb als die heilige Maria. Die Herrin hatte ihr befohlen, während ihrer Abwesenheit niemand einzulassen. Maria stand also an der Pforte und hielt Wache.

Nicht lange, so klopfte jemand an. Maria fragte, wer da wäre und was sie wollte.
„Ich bin eine arme, ehrliche Schneiderin,“ antwortete eine feine Stimme. „die um Einlass bittet.“
„Ja, ehrlich wie die Diebin am Galgen.“ sagte Maria „Du hast lange Finger gemacht und den Leuten das Tuch abgezwickt. Du kommst nicht in den Himmel, die Herrin hat mir verboten, solange sie draußen wäre, irgendjemand einzulassen.“
„Seid doch barmherzig!“ rief die Schneiderin. „Kleine Flicklappen, die von selbst vom Tisch herabfallen, sind nicht gestohlen und nicht der Rede wert. Seht, ich hinke und habe von dem Weg daher Blasen an den Füßen, ich kann unmöglich wieder umkehren. Lasst mich nur hinein, ich will alle schlechte Arbeit tun. Ich will die Kinder tragen, die Windeln waschen, die Bänke, darauf sie gespielt haben, säubern und abwischen und ihre zerrissenen Kleider flicken. “ Die heilige Maria ließ sich aus Mitleiden bewegen und öffnete der lahmen Schneiderin die Himmelspforte so weit, dass sie mit ihrem dürren Leib hineinschlüpfen konnte. Sie musste sich in einen Winkel hinter die Türe setzen und sollte sich da still und ruhig verhalten, damit sie die Herrin, wenn sie zurückkäme, sie nicht bemerkte und zornig würde.

Die Schneiderin gehorchte. Als aber die heilige Maria einmal zur Türe hinaustrat, stand sie auf, ging voll Neugierde in allen Winkeln des Himmels herum und besah sich die Gelegenheit. Endlich kam sie zu einem Platz, da standen viele schöne und köstliche Stühle und in der Mitte ein ganz goldener Sessel, der mit glänzenden Edelsteinen besetzt war. Der war auch viel höher als die übrigen Stühle, und ein goldener Fußschemel stand davor. Es war aber der Sessel, auf welchem die Herrin saß, wenn sie daheim war, und von welchem sie alles sehen konnte, was auf Erden geschah. Die Schneiderin stand still und sah den Sessel eine gute Weile an, denn er gefiel ihr besser als alles andere. Endlich konnte sie den Vorwitz nicht bezähmen, stieg hinauf und setzte sich in den Sessel.
Da sah sie alles, was auf Erden geschah, und bemerkte einen alten, hässlichen Mann, der an einem Bach stand und wusch und zwei Schleier heimlich beiseite tat. Die Schneiderin erzürnte sich bei diesem Anblicke so sehr, dass sie den goldenen Fußschemel ergriff und durch den Himmel auf die Erde hinab nach dem alten Dieb warf. Da sie aber den Schemel nicht wieder heraufholen konnte, so schlich sie sich sachte aus dem Sessel weg, setzte sich an ihren Platz hinter die Türe und tat, als ob sie kein Wasser getrübt hätte.

Als die Herrin und Meisterin mit dem himmlischen Gefolge wieder zurückkam, ward sie zwar die Schneiderin hinter der Türe nicht gewahr, als sie sich aber auf ihren Sessel setzte, mangelte der Schemel. Sie fragte die heilige Maria, wo der Schemel hingekommen wäre. Die aber wusste es nicht. Da fragte sie weiter, ob sie jemand hereingelassen hätte.
„Ich weiß niemand,“ antwortete Maria. „die dagewesen wäre, als eine lahme Schneiderin, die noch hinter der Türe sitzt.“ Da ließ die Herrin die Schneiderin vor sich treten und fragte sie, ob sie den Schemel weggenommen und wo sie ihn hingetan hätte.
„Oh Herrin!“ antwortete die Schneiderin freudig. „Ich habe ihn im Zorne hinab auf die Erde nach einem alten Manne geworfen, den ich bei der Wäsche zwei Schleier stehlen sah.“
„Oh, du Schalk!“ sprach die Herrin. „Wollt ich richten, wie du richtest, wie meinst du, dass es dir schon längst ergangen wäre? Ich hätte schon lange keine Stühle, Bänke, Sessel, ja keine Ofengabel mehr hier gehabt, sondern alles nach den Sünderinnen und Sündern hinabgeworfen. Fortan kannst du nicht mehr im Himmel bleiben sondern musst wieder hinaus vor das Tor. Da sieh zu, wo du hinkommst. Hier soll niemand strafen denn ich allein, die Herrin.“

Maria musste die Schneiderin wieder hinaus vor den Himmel bringen und weil sie zerrissene Schuhe hatte und die Füße voll Blasen, nahm sie einen Stock in die Hand und zog nach Warteinweil, wo die frommen Soldatinnen und Soldaten sitzen und sich lustig machen.


Aus „Der Schneider im Himmel“ (KHM 35): Der Schneider im Himmel bei Wikipedia
Quelle: Der Schneider im Himmel bei Grimmstoriesc.om

Anpassungen:

  • Geschlechterpronomen
  • Aktuelle Rechtschreibung
  • Zeichensetzung
  • Aus „Petrus“ wurde „Maria“
  • Aus „Sünder“ wurde „Sünderinnen und Sünder“
  • Aus „Soldaten“ wurde „Soldatinnen und Soldaten“
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