Lieb und Leid teilen

Es war einmal eine Schneiderin, die war ein zänkischer Mensch, und ihr Mann, der gut, fleißig und fromm war, konnte es ihr niemals recht machen. Was er tat, sie war unzufrieden, brummte, schalt, raufte und schlug ihn.
Als die Obrigkeit endlich davon hörte, ließ sie sie vorfordern und ins Gefängnis setzen, damit sie sich bessern sollte. Sie saß eine Zeit lang bei Wasser und Brot, dann wurde sie wieder freigelassen, musste aber geloben, ihren Mann nicht mehr zu schlagen, sondern friedlich mit ihm zu leben, Lieb und Leid zu teilen, wie sich‘s unter Eheleuten gebührt.

Eine Zeitlang ging es gut, dann aber geriet sie wieder in ihre alte Weise, war mürrisch und zänkisch. Und weil sie ihn nicht schlagen durfte, wollte sie ihn bei den Haaren packen und raufen. Der Mann entwischte ihr und sprang auf den Hof hinaus. Sie lief aber mit der Elle und Schere hinter ihm her, jagte ihn herum und warf ihm die Elle und Schere, und was ihr sonst zur Hand war, nach. Wenn sie ihn traf, so lachte sie, und wenn sie ihn verfehlte, so tobte und wetterte sie. Sie trieb es so lange, bis die Nachbarn dem Manne zu Hilfe kamen. Die Schneiderin ward wieder vor die Obrigkeit gerufen und an ihr Versprechen erinnert.

„Liebe Herren,“ antwortete sie. „ich habe gehalten, was ich gelobt habe. Ich habe ihn nicht geschlagen, sondern Lieb und Leid mit ihm geteilt.“
„Wie kann das sein,“ sprach die Richterin. „da er abermals so große Klage über Euch führt?“
„Ich habe ihn nicht geschlagen, sondern ihm nur, weil sie so wunderlich aussah, die Haare mit der Hand kämmen wollen. Er ist mir aber entwichen und hat mich böslich verlassen. Da bin ich ihm nachgeeilt und habe, damit er zu seiner Pflicht zurückkehre, als eine gutgemeinte Erinnerung nachgeworfen, was mir eben zur Hand war. Ich habe auch Lieb und Leid mit ihm geteilt, denn sooft ich ihn getroffen habe, ist es mir lieb gewesen und ihm leid. Habe ich ihn aber verfehlt, so ist es ihm lieb gewesen, mir aber leid.“ Die Richterinnen und Richter waren mit dieser Antwort nicht zufrieden sondern ließen ihr ihren verdienten Lohn auszahlen.


Aus „Lieb und Leit teilen“ (KHM 170): Lieb und Leid teilen bei Wikipedia
Quelle: Lieb und Leid teilen bei Grimmstories.com

Anpassungen:

  • Geschlechterpronomen
  • Aktuelle Rechtschreibung
  • Zeichensetzung
  • Aus „gefehlt“ wurde „verfehlt“
  • Aus „Richter“ wurde „Richterinnen und Richter“
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