Das Totenhemdchen

Es hatte ein Vater ein Mädchen von sieben Jahren, das war so schön und lieblich, dass es niemand ansehen konnte, ohne mit ihm gut zu sein. Und er hatte es auch lieber als alles auf der Welt. Nun geschah es, dass es plötzlich krank ward und Gott es zu sich nahm. Darüber konnte sich der Vater nicht trösten und weinte Tag und Nacht. Bald darauf aber, nachdem es begraben war, zeigte sich das Kind nachts an den Plätzen, wo es sonst im Leben gesessen und gespielt hatte. Weinte der Vater, so weinte es auch. Und wenn der Morgen kam, war es verschwunden.

Als aber der Vater gar nicht aufhören wollte zu weinen, kam es in einer Nacht mit seinem weißen Totenhemdchen, in welchem es in den Sarg gelegt war, und mit dem Kränzchen auf dem Kopf, setzte sich zu seinen Füßen auf das Bett und sprach:
„Ach Vater, höre doch auf zu weinen, sonst kann ich in meinem Sarge nicht einschlafen, denn mein Totenhemdchen wird nicht trocken von deinen Tränen, die alle darauf fallen.“ Da erschrak der Vater, als er das hörte, und weinte nicht mehr. Und in der andern Nacht kam das Kindchen wieder, hielt in der Hand ein Lichtchen und sagte: „Siehst du, nun ist mein Hemdchen bald trocken und ich habe Ruhe in meinem Grab.“ Da befahl der Vater Gott sein Leid und ertrug es still und geduldig. Und das Kind kam nicht wieder, sondern schlief in seinem unterirdischen Bettchen.


Aus „Das Totenhemdchen“ (KHM 109): Das Totenhemdchen bei Wikipedia
Quelle: Das Totenhemdchen bei Grimmstories.com

Anpassungen:

  • Geschlechterpronomen
  • Aktuelle Rechtschreibung
  • Zeichensetzung
  • Aus „der liebe Gott“ wurde schlicht „Gott“
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