Die drei Spinner

Es war ein Knabe faul und wollte nicht spinnen und der Vater mochte sagen, was er wollte, er konnte ihn nicht dazu bringen. Endlich überkam den Vater einmal Zorn und Ungeduld, dass er ihm Schläge gab, worüber der Knabe laut zu weinen anfing. Nun fuhr gerade der König vorbei und als er das Weinen hörte, ließ er anhalten, trat in das Haus und fragte den Vater, warum er seinen Sohn schlüge, dass man draußen auf der Straße das Schreien hörte. Da schämte sich der Mann, dass er die Faulheit seines Sohnes offenbaren sollte, und sprach:
„Ich kann ihn nicht vom Spinnen abbringen. Er will immer und ewig spinnen und ich bin arm und kann den Flachs nicht herbeischaffen.“ Da antwortete der König:
„Ich höre nichts lieber als spinnen und bin nicht vergnügter, als wenn die Räder schnurren. Gebt mir Euren Sohn mit in’s Schloss. Ich habe Flachs genug. Da soll er spinnen, soviel er Lust hat.“ Dem Vater war’s von Herzen gerne zufrieden und der König nahm den Knaben mit.

Als sie in’s Schloss gekommen waren, führte er ihn hinauf zu drei Kammern, die lagen von unten bis oben voll vom schönsten Flachs.
„Nun spinn mir diesen Flachs!“ sprach er. „Und wenn du es fertigbringst, so sollst du meine älteste Tochter zur Gemahlin haben. Bist du gleich arm, so acht ich nicht darauf. Dein unverdrossener Fleiß ist Ausstattung genug.“ Der Knabe erschrak innerlich, denn er konnte den Flachs nicht spinnen und wär‘ er dreihundert Jahre alt geworden und hätte jeden Tag vom Morgen bis Abend dabeigesessen. Als er nun allein war, fing er an zu weinen und saß so drei Tage, ohne die Hand zu rühren. Am dritten Tage kam der König und als er sah, dass noch nichts gesponnen war, verwunderte er sich. Aber der Knabe entschuldigte sich damit, dass er vor großer Betrübnis über die Entfernung aus seines Vaters Haus noch nicht hätte anfangen können. Das ließ sich der König gefallen, sagte aber beim Weggehen:
„Morgen musst du mir anfangen zu arbeiten.“

Als der Knabe wieder allein war, wusste er sich nicht mehr zu raten und zu helfen und trat in seiner Betrübnis vor das Fenster. Da sah er drei einfache Männer herkommen. Davon hatte der Erste einen breiten Plattfuß, der Zweite hatte eine so große Unterlippe, dass sie über das Kinn herunterhing, und der Dritte hatte einen breiten Daumen. Die blieben vor dem Fenster stehen, schauten hinauf und fragten den Knaben, was ihm fehlte. Er klagte ihnen seine Not. Da trugen sie ihm ihre Hilfe an und sprachen:
„Willst du uns zur Hochzeit einladen, Dich unser nicht schämen und uns Deine Cousins heißen, auch an Deinen Tisch setzen, so wollen wir dir den Flachs wegspinnen, und das in kurzer Zeit.“
„Von Herzen gern!“ antwortete der Knabe. „Kommt nur herein und fangt gleich die Arbeit an.“

Da ließ er die drei seltsamen Männer herein und machte in der ersten Kammer eine Lücke, wo sie sich hinsetzten und ihr Spinnen anhuben. Der Eine zog den Faden und trat das Rad, der Andere netzte den Faden, der Dritte drehte ihn und schlug mit dem Finger auf den Tisch. Und sooft er schlug, fiel eine Zahl Garn zur Erde und das war auf das Feinste gesponnen. Vor dem König verbarg er die drei Spinner und zeigte ihm, sooft er kam, die Menge des gesponnenen Garns, dass dieser des Lobes kein Ende fand. Als die erste Kammer leer war, ging’s an die zweite, endlich an die dritte, und die war auch bald aufgeräumt. Nun nahmen die drei Männer Abschied und sagten zu dem Knaben:
„Vergiss nicht, was du uns versprochen hast! Es wird dein Glück sein.“

Als der Knabe dem König die leeren Kammern und den großen Haufen Garn zeigte, richtete der die Hochzeit aus. Und die Braut freute sich, dass sie einen so geschickten und fleißigen Mann bekäme und lobte ihn gewaltig. Da sprach der Knabe:
„Ich habe drei Cousins und da sie mir viel Gutes getan haben, so wollte ich sie nicht gern in meinem Glück vergessen. Erlaubt doch, dass ich sie zu der Hochzeit einlade und dass sie mit mir an dem Tisch sitzen.“ Der König und die Braut sprachen:
„Warum sollen wir das nicht erlauben?“

Als nun das Fest anhub, traten die drei Junggesellen in wunderlicher Tracht herein und der Bräutigam sprach:
„Seid willkommen, liebe Cousins.“
„Ach,“ sagte die Braut. „wie kommst du zu der garstigen Freundschaft?“ Darauf ging sie zu dem Einen mit dem breiten Plattfuß und fragte: „Wovon habt Ihr einen solchen breiten Fuß?“
„Vom Treten,“ antwortete er. „vom Treten.“ Da ging die Braut zum Zweiten und sprach:
„Wovon habt Ihr nur die herunterhängende Lippe?“
„Vom Lecken,“ antwortete er. „vom Lecken.“ Da fragte sie die Dritte:
„Wovon habt Ihr den breiten Daumen?“
„Vom Fadendrehen,“ antwortete er. „vom Fadendrehen.“ Da erschrak die Königstochter und sprach:
„So soll mir nun und nimmermehr mein schöner Bräutigam ein Spinnrad anrühren.“ Damit war er das böse Flachsspinnen los.


Aus „Die drei Spinnerinnen“ (KHM 14): Die drei Spinnerinnen bei Wikipedia
Quelle: Die drei Spinnerinnen bei Grimmstories.com

 

Anpassungen:

  • Geschlechterpronomen
  • Aktuelle Rechtschreibung
  • Zeichensetzung
  • Aus „Weiber“ wurde „einfache Männer“, da „Weib“ zur Zeit des
  • Verfassens als Bezeichnung für Frauen niederen Standes verwendet wurde. Die verächtliche Konnotation, die dem Wort „Weib“ heutzutage anhaftet, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben. Zudem gibt es auch keine verächtliche Bezeichnung für Männer, die der Bedeutung und auch dem sprachlichen Stil von „Weib“ nahe käme.
  • Aus „Base“ wurde „Cousins“.
  • Aus „Jungfern“ wurde „Junggesellen“
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