Der kluge Bauernsohn

Es war einmal eine arme Bäuerin. Die hatte kein Land, nur ein kleines Häuschen und einen alleinigen Sohn. Da sprach der Sohn:
Wir sollten die Königin um ein Stückchen Rottland bitten. Da die Königin ihre Armut hörte, schenkte sie ihnen auch ein Eckchen Rasen, den hackte er und ihre Mutter um und wollten ein wenig Korn und der Art Frucht darauf säen. Als sie den Acker beinah herum hatten, so fanden sie in der Erde einen Mörser von purem Gold.
Hör!” sagte die Mutter zu dem Knaben. “Weil unsere Frau Königin ist so gnädig gewesen und hat uns diesen Acker geschenkt, so müssen wir ihr den Mörsel dafür geben.Der Sohn aber wollte es nicht bewilligen und sagte:
Mutter, wenn wir den Mörser haben und haben den Stößel nicht, dann müssen wir auch den Stößel herbeischaffen. Darum schweigt lieber still.

 

Sie wollt ihm aber nicht gehorchen, nahm den Mörser, trug ihn zur Frau Königin und sagte, den hätte sie gefunden in der Heide, ob sie ihn als eine Verehrung annehmen wollte. Die Königin nahm den Mörser und fragte, ob sie nichts mehr gefunden hätte.
Nein. antwortete die Bäuerin. Da sagte die Königin, sie solle nun auch den Stößel herbeischaffen. Die Bäuerin sprach, den hätten sie nicht gefunden. Aber das half ihr so viel, als hätt sie’s in den Wind gesagt. Sie ward ins Gefängnis gesetzt und sollte so lange da sitzen, bis sie den Stößel herbeigeschafft hätte. Die Bedienten mussten ihr täglich Wasser und Brot bringen, was man so in dem Gefängnis kriegt. Da hörten sie, wie die Frau als fort schrie:
Ach, hätt ich auf meinen Sohn gehört! Ach, ach, hätt ich auf meinen Sohn gehört! Da gingen die Bedienten zur Königin und sprachen das, wie die Gefangene als fort schrie ‚Ach, hätt ich doch auf meinen Sohn gehört!‘ und wollte nicht essen und nicht trinken. Da befahl sie den Bedienten, sie sollten die Gefangenen vor sie bringen. Und da fragte sie die Frau Königin, warum sie also fort schrie ‚Ach, hätt ich auf meinen Sohn gehört!‘:
Was hat Euer Sohn denn gesagt?
Ja, er hat gesprochen, ich sollte den Mörser nicht bringen, sonst müsst ich auch den Stößel beschaffen.
Habt Ihr so einen klugen Sohn, so lasst ihn einmal herkommen. Also musste er vor die Königin kommen. Die fragte ihn, ob er denn so klug wäre, und sagte, sie wollte ihm ein Rätsel aufgeben. Wenn er das treffen könnte, dann wollte sie ihn heiraten. Da sprach er gleich:
Ja! Er wollt’s erraten. Da sagte die Königin:
Komm zu mir. Nicht gekleidet, nicht nackend; nicht geritten, nicht gefahren; nicht in dem Weg, nicht außer dem Weg; und wenn du das kannst, will ich dich heiraten.

 

Da ging er hin und zog sich splinternackend aus, da war er nicht gekleidet, und nahm ein großes Fischgarn, und setzte sich hinein und wickelte es ganz um sich herum, da war er nicht nackend. Und er borgte einen Esel für’s Geld und band dem Esel das Fischgarn an den Schwanz, darin er ihn fortschleppen musste; und war das nicht geritten und nicht gefahren. Der Esel musste ihn aber in der Fahrgleise schleppen, so dass er nur mit der großen Zehe auf die Erde kam; und war das nicht in dem Weg und nicht außer dem Wege. Und wie er so daherkam, sagte die Königin, er hätte das Rätsel getroffen und es wäre alles erfüllt. Da ließ sie seine Mutter los aus dem Gefängnis und nahm ihn bei sich als ihren Gemahl und befahl ihm das ganze königliche Gut an.
Nun waren etliche Jahre herum, als die Frau Königin einmal auf die Parade zog. Da trug es sich zu, dass Bäuerinnen mit ihren Wagen vor dem Schloss hielten. Die hatten Holz verkauft. Etliche hatten Ochsen vorgespannt und etliche Pferde. Da war eine Bäuerin, die hatte drei Pferde, davon kriegte eins ein junges Füllchen. Das lief weg und legte sich mitten zwischen zwei Ochsen, die vor dem Wagen waren. Als nun die Bäuerinnen zusammenkamen, fingen sie an sich zu zanken, zu schmeißen und zu lärmen, und die Ochsenbäuerin wollte das Füllchen behalten und sagte, die Ochsen hätten’s gehabt. Und die andere sagte nein, ihre Pferde hättens gehabt, und es wäre ihres. Der Zank kam vor die Königin und sie tat den Ausspruch, wo das Füllen gelegen hätte, da sollt es bleiben. Und also bekam’s die Ochsenbäuerin, der’s doch nicht gehörte. Da ging die andere weg, weinte und lamentierte über ihr Füllchen.

Nun hatte sie gehört, wie dass der Herr König so gnädig wäre, weil er auch von armen Bauersleuten gekommen wäre. Sie ging er zu ihm und bat ihn, ob er ihr nicht helfen könnte, dass sie ihr Füllchen wiederbekäme. Sagte er:
Ja, wenn Ihr mir versprecht, dass Ihr mich nicht verraten wollt, so will ich’s Euch sagen. Morgen früh, wenn die Königin auf der Wachtparade ist, so stellt Euch hin mitten in die Straße, wo sie vorbeikommen muss, nehmt ein großes Fischgarn und tut, als fischtet Ihr, und fischt also fort und schüttet das Garn aus, als wenn Ihr’s voll hättet. Und er sagte ihr auch, was sie antworten sollte, wenn sie von der Königin gefragt würde.

Also stand die Bäuerin am andern Tag da und fischte auf einem trockenen Platz. Wie die Königin vorbeikam und das sah, schickte sie ihre Läuferin hin. Die sollte fragen, was das närrische Weib vorhätte. Da gab sie zur Antwort:
Ich fische. Fragte die Läuferin, wie sie fischen könnte, es wäre ja kein Wasser da. Sagte die Bäuerin: So gut als zwei Ochsen können ein Füllen kriegen, so gut kann ich auch auf dem trockenen Platz fischen. Die Läuferin ging hin und brachte der Königin die Antwort. Da ließ sie die Bäuerin vor sich kommen und sagte ihr, das hätte sie nicht von sich, von wem sie das hätte: und sollt’s gleich bekennen. Die Bäuerin aber wollt’s nicht tun und sagte immer:
Gott bewahr! Sie hätt es von sich. Sie legten sie aber auf ein Gebund Stroh und schlugen und drangsalten sie so lange, bis sie bekannte, dass er’s von dem Herrn König hätte.

 

Als die Königin nach Haus kam, sagte sie zu ihrem Gemahl:
Warum bist du so falsch mit mir? Ich will dich nicht mehr zum Gemahl. Deine Zeit ist um. Geh wieder hin, woher du gekommen bist, in dein Bauernhäuschen. Doch erlaubte sieihm eins: er sollte sich das Liebste und Beste mitnehmen, was er wüsste, und das sollte ihr Abschied sein. Er sagte:
Ja, liebe Frau. Wenn du’s so befiehlst, will ich es auch tun, Und er fiel über sie her und küsste sie und sprach, er wollte Abschied von ihr nehmen. Dann ließ er einen starken Schlaftrunk kommen, Abschied mit ihr zu trinken. Die Königin tat einen großen Zug, er aber trank nur ein wenig. Da geriet sie bald in einen tiefen Schlaf und als er das sah, rief er einen Bedienten und nahm ein schönes weißes Linnentuch und schlug sie da hinein und die Bedienten mussten sie in einen Wagen vor die Türe tragen. Und er fuhr sie heim in sein Häuschen. Da legte er sie in sein Bettchen und sie schlief Tag und Nacht in einem fort. Und als sie aufwachte, sah sie sich um und sagte:
Ach Gott, wo bin ich denn? rief ihren Bedienten, aber es war keiner da. Endlich kam ihr Mann vor’s Bett und sagte:
Liebe Frau Königin, Ihr habt mir befohlen, ich sollte das Liebste und Beste aus dem Schloss mitnehmen. Nun hab ich nichts Besseres und Lieberes als dich, da hab ich dich mitgenommen. Der Königin stiegen die Tränen in die Augen und sie sagte:
Liebe Frau, du sollst mein sein und ich dein! und nahm ihn wieder mit ins königliche Schloss und ließ sich auf’s Neue mit ihm vermählen. Und so werden sie ja wohl noch auf den heutigen Tag leben.


Aus: „Die kluge Bauerntochter“ (KHM 94): Die kluge Bauerntochter bei Wikipedia
Quelle: Die kluge Bauerntochter bei Grimmstories.com

Anpassung:

  • Geschlechterpronomen
  • aktuelle Rechtschreibung
  • Zeichensetzug
  • Aus „Mörsel“ wurde „Mörser“ und „Stößer“ wurde zu „Stößel“
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