Auf Reisen gehen

Es war einmal ein armer Mann, der hatte eine Tochter, die wollte so gerne reisen. Da sagte der Vater:
„Wie kannst du reisen? Wir haben ja gar kein Geld, das du mitnehmen kannst.“ Da sagte die Tochter:
„Ich werde mir schon helfen und werde immer sagen: Nicht viel, nicht viel, nicht viel!“

Da ging sie nun eine gute Zeit dahin und sagte immer:
„Nicht viel, nicht viel!“ Kam sie zu einigen Fischerinnen und sagte: „Gott helf euch! Nicht viel, nicht viel, nicht viel!“
„Was sagst du, Weib, nicht viel?“ Und als sie das Fischergarn herauszogen, kriegten sie auch nicht viele Fische. Eine der Fischerinnen ging daraufhin mit einem Stock auf das Mädchen los und sagte:
„Jetzt sollst du mal deine Dresche sehen!“ und verdrosch es jämmerlich.
„Was soll ich denn sagen?“ fragte das Mädchen.
„Du sollst sagen: Fang voll, fang voll!“

Da ging sie wieder eine Zeit lang und sagte:
„Fang voll, fang voll!“ Bis sie an einen Galgen kam, wo gerade eine arme Sünderin gerichtet werden sollte. Da sagte sie: „Guten Morgen, fang voll, fang voll!“
„Was sagst du, Weib, fang voll? Soll es denn noch mehr böse Leute in der Welt geben? Ist das noch nicht genug?“ Und sie kriegte wieder etwas auf den Buckel drauf.
„Was soll ich denn sagen?“
„Du sollst sagen: Gott tröste die arme Seele.“

DasMädchen ging wieder eine ganze Zeit und sagte:
„Gott tröste die arme Seele.“ Da kam sie an einen Graben, da stand eine Schinderin (Abdeckerin), die zog einem Pferd die Haut ab. Das Mädchen sagte: „Guten Morgen, Gott tröste die arme Seele!“
„Was sagst du da, dummes Weib?“ sagte die Schinderin und schlug ihr mit ihrem Schinderhaken eins hinter die Ohren, dass sie nicht mehr aus den Augen sehen konnte.
„Was soll ich denn sonst sagen?“
„Du sollst sagen: da liegt das Aas im Graben!“

Da ging sie wieder weiter und sagte immerzu:
„Da liegt das Aas im Graben! Da liegt das Aas im Graben!“ Dann kam sie zu einem Wagen voll Leute, und sagte: „Guten Morgen! Da liegt das Aas im Graben!“ Da fiel der Wagen um in einen Graben, die Kutscherin kriegte die Peitsche her und verbläute das Mädchen so, dass es zu seinem Vater heimkriechen musste. Und sie ist ihr Lebtag nie wieder auf Reisen gegangen.


Aus: „Auf Reisen gehen“ (KHM 143): Auf Reisen gehen bei Wikipedia
Quelle: Auf Reisen gehen bei Grimmstories.com

 

Anpassung:

  • Geschlechterpronomen
  • aktuelle Rechtschreibung
  • Zeichensetzung
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