Das alte Väterchen

Es war in einer großen Stadt ein altes Väterchen, das saß abends allein in seiner Kammer. Es dachte so darüber nach, wie es erst die Frau, dann die beiden Kinder, nach und nach alle Verwandte und schließlich auch heute noch den letzten Freund verloren hätte und nun ganz allein und verlassen wäre. Da ward es in tiefstem Herzen traurig. Vor allem schwer war ihm der Verlust der beiden Töchter, dass es in seinem Schmerz Gott darüber anklagte.

So saß es still und in sich versunken, als es auf einmal zur Frühkirche läuten hörte. Es wunderte sich, dass es die ganze Nacht also in Leid durchwacht hätte, zündete seine Leuchte an und ging zur Kirche. Bei seiner Ankunft war sie schon erhellt, aber nicht, wie gewöhnlich, von Kerzen, sondern von einem dämmernden Licht. Sie war auch schon angefüllt mit Menschen und alle Plätze waren besetzt. Und als das Väterchen zu seinem gewöhnlichen Sitz kam, war er auch nicht mehr frei sondern die ganze Bank gedrängt voll.
Und wie es die Leute ansah, so waren es lauter verstorbene Verwandte. Die saßen da in ihren altmodischen Kleidern aber mit blassem Angesicht. Sie sprachen auch nicht und sangen nicht, es ging aber ein leises Summen und Wehen durch die Kirche. Da stand ein Onkel auf, trat vor und sprach zu dem Väterchen:
„Dort sieh nach dem Altar! Da wirst du deine Töchter sehen.“ Der Alte blickte hin und sah seine beiden Kinder: die eine hing am Galgen, die andere war auf das Rad geflochten. Da sprach der Onkel: „Siehst du! So wäre es ihnen ergangen, wären sie im Leben geblieben und hätte sie Gott nicht als unschuldige Kinder zu sich genommen.“ Der Alte ging zitternd nach Haus und dankte Gott auf den Knien, dass er es besser mit ihm gemacht hätte, als er hätte begreifen können.
Und am dritten Tag legte er sich und starb.


Aus „Das alte Mütterchen“ (KHM 208): Das alte Mütterchen bei Wikipedia
Quelle: Das alte Mütterchen bei Grimmstories

Anpassungen:

  • Geschlechterpronomen
  • Aktuelle Rechtschreibung
  • Zeichensetzung
  • Aus „endlich“ wurde „schließlich“
  • Aus „ledig“ wurde „frei“
  • Aus „Muhme“ wurde „Onkel“, angelehnt an die männliche Entsprechung „Onkel“
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